„Bei der Wohnungstüre ist Schluss“

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  • 17. September 2015

OLIVER MARK (Der Standard) | 1. Februar 2010, 18:01

Detektiv Martin Ulm hat Helmut Elsner observiert und dutzende Ehebrecher überführt – „Es liegt alles auf der Straße“; und im Internet – Porträt

„Ich weiß nicht, was ich im Jahr 2015 am 14. August machen werde. Ein Beamter schon“, sinniert Martin Ulm. Gerade die Abwechslung ist es, die er in seinem Job am meisten schätzt: „Heute sitze ich da, morgen kann ich in Tokio sein.“ Martin Ulm arbeitet seit 17 Jahren als Berufsdetektiv, er ist einer von 300 in Österreich. Sein Beruf ist mehr eine Berufung, wie er im Gespräch mit derStandard.at sagt: „Es war schon mein Kindheitswunsch.“

1993 heuerte Ulm in einer Detektei an, nebenbei wurde die Detektivakademie absolviert. Heute betreibt er seinen eigenen Laden, die Detektei Martin Ulm. Mit im Schnitt fünf Mitarbeitern: „Je nach Auftragslage.“ Der 40-Jährige hat sich im Jahr 2003 selbstständig gemacht. „Im Büro ist kaum jemand. In der Regel sitze nur ich dort und delegiere“, erzählt er von seiner täglichen Arbeit, die sich im Laufe der Jahre stark verändert habe: „Früher waren wir zum Recherchieren öfters draußen. Heute wird 80 Prozent im Büro erledigt.“

„Es liegt alles auf der Straße“ – und im Internet

Das Internet, so Ulm, habe die Branche revolutioniert: „Was früher oft mühsame Ermittlungsarbeit vor Ort war, findet man jetzt mit einem Mausclick.“ Ob Hintergrundinfos oder Bilder von Personen: Gerade soziale Netzwerke wie Facebook oder Xing seien zum Schnüffeln prädestiniert, berichtet er von seinem persönlichen Segen der Web.2.0-Generation. Um Kontakt aufzunehmen, werden aber keine gefakten Profile angelegt: „Es reicht oft, wenn man die Freundes- oder Kontaktlisten der Personen sieht.“ Weitere Recherchemöglichkeiten seien spezielle Datenbanken, Firmenregister etc. „Es liegt eh alles auf der Straße“, meint Ulm, „man muss es nur aufheben“.

Betriebsspionage, Versicherungsbetrug, Abhörschutz, Personensuche oder Mitarbeiterüberwachung: das Leistungsspektrum der Detektei ist breit gestreut. Ebenso wie die Kunden, die aus Banken, Versicherungen oder Hausverwaltungen kommen. Im privaten Bereich spielt etwa Ehebruch – oder vermeintlicher – eine große Rolle, sagt Ulm. „Alle Klienten haben einen Verdacht.“ Und der, so der Unternehmer, sei immer auch begründet: „Ich kann mich bis jetzt an keinen Fall erinnern, wo nichts gewesen wäre.“

Eine Frage der Gelegenheit

Erwischt werden die Leute mittels Beobachtungen. „Wir legen uns nicht auf die Lauer, sondern mischen uns unter die Passanten oder fahren mit dem Auto nach.“ Wie oft man observieren muss, sei unterschiedlich: „Es kann schon beim ersten Mal klappen“, berichtet er, „manchmal aber erst beim zweiten oder dritten Versuch“. In Absprache mit dem Klienten werden die Beobachtungstage so ausgewählt, dass das Ertappen auf frischer Tat wahrscheinlicher sei.

Dokumentiert wird das Vergehen dann via Foto oder Video. „Wenn wir Glück haben, tauschen die Leute schon auf der Straße Zärtlichkeiten aus“, sagt Ulm. Das werde dann gefilmt. Normalerweise spielen sich Affären in irgendwelchen Wohnungen ab. Und hier gebe es einen fixen Grundsatz: „Bei der Wohnungstüre ist Schluss.“ Man verschaffe sich niemals unter einer falschen Identität oder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Zutritt, betont er.

Kein direkter Kontakt

Bei den Observierungen kommt es zu keiner direkten Konfrontation mit der „Zielperson“; wie man zu beobachtende Personen so nennt. „Vorher würden wir abbrechen“, so Ulm, der die Gefahr, dass Detektive als solche erkannt werden, als sehr gering einschätzt: „In meiner Detektei ist das in den letzten Jahren nicht vorgekommen.“ Sollte sich aber jemand wirklich beobachtet fühlen, sind die weiteren Erfolgsaussichten ziemlich schlecht. „Normalerweise funktioniert das dann nicht mehr.“

Die „Zielperson“ bei einem Seitensprung zu erwischen sei gut, so Ulm, idealer sei es aber, eine „Regelmäßigkeit“ festzustellen. Um bei etwaigen Scheidungsfällen bessere Karten zu haben; wenn es um die Schuldfrage geht. Eine gemeinsame Übernachtung wiege hier schwerer als nur ein Quickie in einer Wohnung. Solche Observierungen kosten „im Schnitt zwischen 4.000 und 6.000 Euro“, erläutert er. Geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es  nicht: „Frauen und Männer beauftragen uns gleichermaßen.“

„Alles legal“

Dass sich Detektive oft im gesetzlichen Graubereich bewegen, verneint Ulm: „Alles was wir machen, ist legal.“ Die Reputation stehe genauso auf dem Spiel wie die Konzession für das Unternehmen. In Österreich sind die Detekteien unter dem Dach des Detektiv-Verbands versammelt. Illegale Aktionen wie Telefonabhörungen oder das Anbringen von Wanzen seien tabu, beteuert er.

Was sehr wohl zum Portfolio gehört, ist Abhörschutz: „Firmen mit innovativen Produkten werden oft ausspioniert.“ Das Lokalisieren von Wanzen sei ein sehr zeitaufwändiges Prozedere, erklärt er. Einerseits gebe es spezielle Geräte zum Aufspüren, auf der anderen Seite müsste aber beinahe die gesamte Büroeinrichtung – vom Computer bis zum Sessel – auf den Kopf gestellt werden. „Alles wird zerlegt.“ Wanzen können nicht mehr geortet werden, wenn die Batterie leer ist.

Elsner observiert

In seinen 17 Jahren als Detektiv hat Ulm schon einiges erlebt. Ein Höhepunkt seiner Karriere war im Herbst 2006 die Beobachtung von Helmut Elsner. Im Auftrag des „Kurier“ observierte er den Ex-BAWAG-Chef acht Tage lang in einer Villenanlage an der Côte d’Azur. Elsner, so die damalige Behauptung seines Anwalts, musste einen Vernehmungstermin in Wien aus gesundheitlichen Gründen platzen lassen. Ulms Fotos zeigten schließlich, dass der Banker sehr wohl gut zu Fuß war und geschäftliche und private Termine wahrnehmen konnte. Dokumentationen, die auch ausschlaggebend für die Verhaftung waren.

Elsner sitzt noch immer hinter Gitter. Eine Art von Genugtuung verspürt der Detektiv bei solchen Aufträgen nicht. Die sind quasi Teil des Jobs. Aber ein angenehmer Teil, gibt er zu. „Wer will nicht acht Tage an der Côte d’Azur verbringen?“, wie es im Falle von Elsners Beschattung war, so Ulm, dessen Einsatzgebiet die ganze Welt umfasst: „Bei einer schönen Destination reise ich selbst, sonst übernehmen die Mitarbeiter“, grinst er, allerdings: „80 Prozent der Ermittlungsarbeit spielen sich im Inland ab.“

Vorgetäuschte Krankenstände

Dass „Misstrauen“ im Generellen in den letzten Jahren zugenommen hat, glaubt er nicht: „Es ist konstant.“ Konstant ist auch die Zahl der Mitarbeiterüberwachungen. „In besonders schweren Fällen, wo es um Krankenstände geht“, erzählt er. „Leute sagen, dass sie krank sind, gehen aber ins Fitnessstudio oder ins Schwimmbad.“ Ein klassischer Fall, wo ein Detektiv auf den Plan tritt. „Aber nur, wenn es wirklich Auffälligkeiten sind“, so Ulm, denn: „Es wäre zu teuer, jeden Mitarbeiter zu überwachen.“ Neben Krankenständen geraten auch Außendienstmitarbeiter oft ins Visier von Detektiven: „Manche fahren nämlich nicht einmal von zuhause weg.“

Es komme immer wieder vor, dass Aufträge verweigert werden. „Fälle wie Lidl oder Deutsche Bundesbahn würde ich persönlich nicht machen“, meint er. Tätigkeiten von Angestellten wurden hier bis ins Privatleben seziert. Für Ulm eine Frage der Berufsethik: „Alle einfach unter Generalverdacht stellen, geht nicht.“ Ein weiters Tabu sind für ihn Tests, wo die Treue von Partnern auf dem Prüfstand steht. „Ein ‚Lockvogel‘ wird hier engagiert, um jemanden zu einem Seitensprung zu verführen“, präzisiert Ulm. „Wenn die Leute von selbst untreu werden, ok, aber man muss das nicht provozieren.“ Es gebe ohnehin eigene Agenturen, die solche „Treuetests“ durchführen.

„Geistige Fitness und Neugierde“

Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die sich wie ein roter Faden durch die Detektiv-Branche ziehen, kann er keine erkennen; außer vielleicht „geistige Fitness und Neugierde“. Überhaupt würden sich in dem Metier sehr unterschiedliche Charaktere tummeln: „Wir haben Kollegen, die vorher studiert haben.“ Etwa Soziologen oder Medienleute. Eine gute körperliche Konstitution sei keine Voraussetzung für den Beruf, aber ein Vorteil: „Es ist sicher ein harter Job.“

Der Besitz eines Waffenscheins ist kein Muss, sondern mehr Usus. „In der Regel hat jeder Detektiv eine“, sagt Ulm, der seine Waffe nie bei sich trägt: „Die liegt im Safe, außer ich mache Personenschutz.“ Ein Schutz, der ihn an die Seite von „sehr vielen“ Prominenten gebracht hat. Um welche Personen es sich handelte, will er nicht sagen.

Ermitteln bis zum Tod

Wo der Auftrag endet, beginnt schon die Diskretion. Und die ist in der Branche wohl das wichtigste Asset, um erfolgreich zu sein. An den Nagel hängen will er seinen Traumberuf nicht so schnell: „Ich strebe keine Pension an und solange ich tippen und ermitteln kann, werde ich das tun.“ Vorstellen kann er sich, bis mindestens 80 zu arbeiten. „Ich werde wohl an meinem Schreibtisch sterben.“ (Oliver Mark, derStandard.at, 1.2.2010)